Issue of the month [in German]

Uhu 1933, Heft 4

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier.

Wir kennen es bloß im Zustand der Bändigung und Zähmung.  

- Arthur Schopenhauer -

In den illustrierten Magazinen der Weimarer Republik finden sich zahlreiche fotografische Vergleiche vom Menschlichen im Tier und dem Tierischen im Menschen. Die humoristische Erzeugung einer biologisch-instinktiven Ähnlichkeit in Mimik und Gestik diente vorrangig als auflockernder „Seitenfüller“  zum Schmunzeln zwischen den einzelnen Beiträgen ohne konkrete kontextuelle Anbindung. Im hier vorgestellten Heft erfolgte jedoch eine thematische Zusammenstellung dieser scherzhaften Aufnahmen in Form der Fotoreportage „Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier. Merkwürdige Parallelen aus meiner Bildersammlung“ von dem passionierten Tierfotografen Friedrich Seidenstücker, „einem der eigenartigsten Fanatiker der fotografischen Platte“ [1] – so der Uhu über seinen langjährigen Mitarbeiter. Seidenstücker war 1904 nach Berlin gezogen, wo er sein Maschinenbaustudium vernachlässigte, um vor den Gehegen und Käfigen des Berliner Zoos Tiere zu zeichnen. Noch war die Fotografie nur Zeitvertreib, Seidenstückers eigentliche Leidenschaft gehörte der Bildhauerei.  Trotz eines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste blieb sie für Seidenstücker nur ein Traum – und Seidenstücker Fotograf.

Der Ullstein-Verlag engagierte ihn als freien Mitarbeiter, seine Bilder erschienen auch in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ oder in illustrierten Magazinen wie dem "Uhu", der "Woche", dem "Querschnitt" der "Vossischen Zeitung" oder der "Dame".

Vor allem die Zooaufnahmen waren beliebt. Etwa die Hälfte seines 15.000 Aufnahmen umfassenden Lebenswerkes sind Tierfotografien. Seidenstücker hatte sie unter zoologischen Kriterien katalogisiert und mit Anmerkungen zum Paarungsverhalten versehen – festgehalten in einem "Hochzeitskalender der Tiere". Aus dieser Sammlung erstellte Seidenstücker die in dieser Uhu-Ausgabe präsentierten Vergleiche:

  • Das lümmelnde Eisbärpärchen im Zoogehege und das Menschenpaar in freier Natur.
  • In sich versunken ruhend und eingehüllt –  das Huhn im Federkleid und die alte Frau in warmer Kleidung.
  • Badespaß in jeder Konfektionsgröße – die anmutige Schwimmerin und der Eisbär beim Rückenschwimmen.
  • Wohliges Räkeln des Lamas beim Sonnenbad und der Turnerin in der Gymnastikpause.
  • Ausgelassenes Herumtoben zweier Zebras und zwei junger Mädchen.

Auch wenn Seidenstücker betonte, die Bilder nicht der Parallelen wegen erstellt zu haben, so weiß man heute, dass nur die Kombination seiner langjährigen Tierstudien mit versiert eingesetzter Fototechnik die fotografische Illusion menschenähnlicher Physiognomie beim Tier erzeugen konnte.

Doch auf die tatsächliche biologische Ähnlichkeit kam es dem Fotograf gar nicht an – im Gegenteil, viele seiner Fotos ähneln sich tatsächlich nicht allzu sehr – entscheidend sei etwas ganz anderes: Die transportierten Stimmungen. Der mentale Eindruck, dass die Abgebildeten ganz gleich ob Mensch oder Tier dasselbe erlebt und gefühlt haben müssen.

Karolin Schmahl


[1] N. N. Der Photograph Friedrich Seidenstücker. Ein Plastiker der fotografischen Platte. In: Uhu Jg. 8, 1931/32, Januar 1932, Heft 4, S. 32.

Aus: Friedrich Seidenstücker, "Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier"

Aus: Friedrich Seidenstücker, "Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier"